Been There and Back to Nowhere

Gender in Transnational Spaces / Geschlecht in Transnationalen Orten I 2000

The profusely illustrated book presents cultural practices that take a gendered look at minority identities in the media as well as in post-urban zones such as the ones that have developed along the U.S.-Mexico border, on the periphery of Istanbul or in post-Socialist countries. From a variety of perspectives, the documents examine how gender is produced and regulated in transnational spaces, border economies and free trade zones and how women re-map their existence in these posthuman spaces. The texts, videos and art projects, which locate themselves in the postcolonial context, also pursue a continuous interest in the representation of gender in the media and the signification systems of art and ethnography. Many of the contributions have been realized with migrant women in Europe or in global production sites.

Review: A Journey Shared
Ursula Biemann’s Been There and Back to Nowhere: Gender in Transnational Spaces By Jo-Anne Berelowitz published in Genders – virtual magazine, issue 33

FRAZ

Been there and back to nowhere – Wenn sich Kunst und Migration verschwestern. FRAZ, August 2001

Die Kunstszene tut sich hierzulande nach wie vor schwer mit politischen Inhalten – Ursula Biemann nicht. Sie verwebt Kunstpraxis mit postkolonialen Theorien. In einem Werkstattbericht stellt die Kuratorin und Künstlerin ihre neueste, als Buch erschienene, Arbeit vor: «been there and back to nowhere. Geschlecht in transnationalen Orten» ist filmisch, Dokument, Kunstwerk, Vita und feministischer Text zugleich.

Text by Ursula Biemann

Nowhere, ja nirgendwo schien ich tatsächlich zu sein, als ich nach 20 Jahren im Anderswo, vor allem Mexiko und New York, nach Zürich zurückkehrte. Um kulturelle Verschiebung geht es denn auch in «been there and back to nowhere», dieser farbigen, künstlerischen Dokumentensammlung. Dies nicht nur aus Gründen der persönlichen Horizonterweiterung, versteht sich, sondern als Überlebensstrategie minoritärer Frauen, die in besonders von Globalisierungsprozessen geprägte Zonen migrieren: grossstädtische Peripherien, Grenzgebiete, Freihandelszonen. Die unterschiedlichen Projekte, die das Buch dokumentiert, ergründen, wie weibliche Körper in den transnationalen Orten der globalen Ökonomie zirkulieren und welche Medienbilder von migrantischen Frauen gemacht werden. Mitunter sind es künstlerische Versuche, mit Migrantinnen kollaborative, visuelle Projekte zu realisieren. Soziale und politische Inhalte haben es jedoch immer noch schwer in der Kunst. Gleichzeitig innerhalb und ausserhalb des Kunstkontextes zu handeln, auf der Suche nach einer Sprache, die zwischen diesen Welten vermitteln kann, stellen für mich eine der hauptsächlichen Herausforderungen dar.

Kulturschock

Den postkolonialen Theorien begegnete ich erstmals während meines Kunststudiums in New York. Dieser kritische Diskurs ist erst Mitte bis Ende der 80er-Jahre in das Kunstwelt-Bewusstsein eingedrungen, als minoritäre KünstlerInnen anfingen, beachtlichen Druck auf die Kunstinstitutionen auszuüben und sich in die intellektuellen Auseinandersetzungen einzumischen. Es herrschte ein sozial und politisch engagiertes Klima in der Kunst.
Als ich gegen Ende 1991 New York verliess und nach Europa zurückkehrte, erlitt ich erst einmal einen Kulturschock. Die Kunstszene, die ich in Zürich vorfand, war offensichtlich wenig von der Jugendbewegung der frühen 80er-Jahre stimuliert worden. Die politischen Aktionen auf kultureller Ebene waren damals vor allem von Film- und VideoaktivistInnen ausgelöst worden, während sich die bildenden KünstlerInnen hauptsächlich auf die Besetzung der leeren Roten Fabrik konzentrierten, um kulturellen Arbeitsraum zu gewinnen. Ihre Kunstpraxis blieb innerhalb der bürgerlichen Parameter. Ich sah mich einer Kunstszene gegenüber, die sich weithin mit einem konventionellen Atelier-Galerie-Modus abzufinden schien. Für jemanden, der von einer kritischen Post-studio-Bildung herkam und die Rolle der Künstlerin nicht so sehr als die einer Produzentin, sondern als die einer Vermittlerin sah und sich zudem längst vom Kunstwerk zum Text bewegt hatte, konnte diese Vorgehensweise wohl kaum eine interessante Positionierung im weiteren sozialen Kontext darstellen, da sie zum einen den Kunstmarkt als den institutionellen Rahmen akzeptiert und zum anderen die Produktion derart in den Mittelpunkt stellt, als hätten die Wandlungsprozesse in den 60er-Jahren, die man schlechthin als Postmodernismus bezeichnet, nie stattgefunden.

Im deutschsprachigen Europa hielt die postkoloniale Kritik in der Kunst erst Mitte der 90er-Jahre Einzug. Was in den USA als Politik der Repräsentation, der hybriden Identitäten, der Dislozierung, der Intertextualität und der Selbstpositionierung diskutiert wurde, lief hierzulande oft unter den groben Rubriken von «Ausländerproblemen» und «Rassismus». Doch war eigentlich augenfällig, dass der sture Fokus auf Rasse und Differenz den komplexen kulturellen und sozialen Bedingungen heutiger Diaspora-Gesellschaften nicht gerecht wurde. Er reproduziert nur die binären Oppositionen (wir/sie), die dem kolonialen Konzept zugrunde liegen. Mit Zwischenräume (1993), ein erstes Communityprojekt mit Latinas in Zürich, Aussendienst (1995) und Kültür – ein Genderprojekt aus Istanbul (1996/97), den zwei Ausstellungsprojekten in der Shedhalle Zürich, versuche ich Positionen vorzustellen, die den fundamental statischen Begriff von kultureller Identität aufzulösen versuchen oder ihn zumindest als ambivalent präsentieren.

«Performing the border»

Meiner Verpflichtung gegenüber feministischer Kritik an den Auswirkungen der globalen, neoliberalen Ideologie folgend, nahm bereits 1987 meine langjährige Auseinandersetzung mit der US-mexikanischen Grenzsituation ihren Anfang. Zu Mexiko hatte ich seit meinem längeren Aufenthalt auf dem Hochplateau eine persönliche Beziehung, die durch dieses Projekt eine ganz neue Dimension erhielt. Mit dem fotografischen Border Project (1987/88) und dem Video-Essay Performing the border (1999) nahm ich mir vor, Gender-Theorien und globale Ökonomie künstlerisch zu verbinden. Performing the border stellte ich die Frage voran, wie aus der Perspektive einer Cyberfeministin betrachtet jene Grenze aussieht, entlang derer hunderttausende von Mexikanerinnen die Chips für den Norden löten. Ich reiste in die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juarez, mit dem Ziel, den Einfluss von NAFTA auf die Situation der Frauen in der Hightech-Industrie zu erforschen. So wichtig mir die Dekonstruktion der Darstellungen von Weiblichkeit ist, so notwendig finde ich es auch, vor Ort zu gehen, das Leben der Leute sowie die bebauten und bewohnten Räume zu verstehen und eine eigene Version von Bildern herzustellen, gerade weil sich meine Arbeit in der Zone zwischen Symbolisierung des Weiblichen und den realen, materiellen Bedingungen der Frauen bewegt. Es geht mir auch zunehmend darum, radikal andere Bilder von weiblicher Migration zu generieren, also von Frauen, die sich in der Bewegung befinden zwischen definierten, legitimen Orten, denn sie stellen nicht nur ein wesentliches Zeitphänomen dar, sondern symbolisieren auch den Widerstand und die mögliche Auflösung der definierenden Kategorien überhaupt. Migrationsbewegungen; Leben in Holzhütten, Arbeit in sterilen Montagestätten für die Hightech-Industrie im Norden; illegales Grenzpendeln der Schlepperinnen von schwangeren Frauen, die in den Staaten gebären wollen; Prostituierte, die ihr Fabrikeinkommen am Wochenende aufbessern müssen: sie alle sind Pendlerinnen, die in Performing the border zu Wort kommen.

Bildliche Neubelegung des globalen Sexhandels

Die Grenze ist ein höchst interessanter Ort, weil der Begriff des «Selbst» sich Wandlungen unterzogen hat, die Fragen von Grenze, Geschlecht und sexuellen Beziehungen betreffen und diese an realen Grenzen sichtbar werden. Aber dies ist auch in der elektronischen Landschaft so. In Writing Desire (2000) untersuche ich das Internet und die e-mail Korrespondenz auf die Grenze zwischen privaten Fantasien und öffentlicher Sphäre und auf deren Kapitalisierung hin. In den 90er Jahren machten Frauen aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion ihren Auftritt im Cyberspace. getmarriednow.com ist eine der vielen hochrangigen Webseiten, die russische Fotomodelle mit Universitätsabschluss anbietet und über 2000 Videos von Frauen aus Novosibirsk, Russland, Sibirien und der Ukraine auf ihrer Homepage archiviert. Als «Hello, I’m Natascha» stellt sich eine elegante Blondine in ihrem Quicktime Movie vor, «I’m 23 and I like to travel». Im boomenden Brautmarkt überlagern sich virtuelle und reelle Bewegungen von weiblichen Körpern.

Auch bei diesem Thema dürfen nicht alle Akteurinnen in einen Topf geworfen werden. Der digitale Video Writing Desire will die verschiedenen Schreibpositionen, die sich aus deren geographisch ökonomischen Verortung ergeben, miteinander verbinden ohne einen binären Kontrast herausstreichen zu wollen zwischen weiblichen Subjekten in der avancierten westlichen Gesellschaft, die aus Spass einen selbstreflektierten, psychoanalytischen, postmodernen Diskurs über Begehren und Sexualität führen und jenen, die in Existenznot ihre sexuellen, und emotionalen Dienste anbieten, um aus den Slums zu kommen.

Im just fertig gewordener 53-minütigen Video Remote Sensing, geht es um eine Topographie des globalen Sexhandels. Er zeichnet die illegalen transnationalen Wege der Frauen nach, die in die Prostitution migrieren. Ehemalige Erholungszonen der amerikanischen Soldaten auf den Philippinen, der Thai-Sex-Tourismus, die offene Prostitution entlang der europäischen Ostgrenzen oder ausgelagerte burmesische Bordelle sind alles Orte, an denen die militärischen, staatlichen und privat organisierten Strukturen sichtbar werden. Aber auch hier geht es mir nicht nur um die reine Dekonstruktion von Macht- und Herrschaftsstrukturen, sondern um eine bildliche Neubelegung dieser Bewegungen, die bezeichnend sind für eine bestimmte Auffassung von Globalität. Dafür ist eine geografische Annäherung ans Thema besser geeignet als eine menschenrechtliche. Interviews mit NGO-Frauen sind im Video denn auch auf Satellitenmedien und technologisch erzeugten Bildern von Grenzen und anderen strategischen Orten der Erdoberfläche montiert. Diese Montage beschreibt gleichzeitig eine Kritik an geographischen Informationssystemen, die eine Art von Globalität visualisieren, in der die Welt von aussen als etwas Fassbares, Kontrollierbares erscheint, eine Vorstellung also, aufgrund derer es erst denkbar wird, Frauen weltweit zu reorganisieren. Gleichzeitig wird aus dieser orbitalen Perspektive der Frauenhandel mit seiner massiven Verschiebung von Frauen kreuz und quer über den Erdball auch erst umfänglich sichtbar gemacht. Auf meiner Suche nach neuen Bildern sind futuristische weibliche Geobodies entstanden, überlagert mit elektronischen Reiserouten, entlang derer sich die Frauen aus der Armut und Langeweile ländlicher Gebiete in die Städte und in reichere Länder bewegen.
Dies ist gleichzeitig eine Art, wissenschaftliche Bilder mit ihrem Anspruch auf Neutralität und Objektivität mit den emotionalen Geschichten der mutigen und oft unglaublichen Erfahrungen der dislozierten und migrierenden Frauen aufzuladen. Erst so entsteht eine situierte Repräsentation.

Contents

Introduction/Einführung

Diaspora, Border and Transnational Identities
Disapora, Grenze und transnationale Identitäten
by Avtar Brah

Survival and Exploraterrarismus. Remapping the posthuman space
Überleben. und Exploraterrarirusmus. Den posthumanen Raum neu kartografieren
by Yvonne Volkart

Art Projects/Kunstprojekte

Border Project
Performing the Border – illustrated video script
Performing the Border – Gender, transnational bodies, and technology
Performing the Border – Geschlecht, transnationale Körper und Technologie
Interview with Bertha Jottar, Video stills of her Border Swings

Lexicon Hispanica

Global Food

Interstices/Zwischenräume

Mediated Identities/Mediale Identitäten

Afghane Collection

Platzwechsel

Ethno-x-centric Reflections on the National Expo and the National Museum
Ethno-x-zentrische Überlegungen zu Landesausstellung und Landesmuseum

Kültür / A gender project from Istanbul

Outsourcing and Subcontracting / Auslagerung und Zulieferung

Writing Desire

video on the bride market on the internet, script and introdcution

Trafficking/Trading

video project on the transborder trafficking of women (Remote Sensing)

Specs

A bilingual artist book English/German, compiling Biemann’s art projects, interviews, videoscripts, collective cultural productions and theoretical texts on gender and globalisation. The book presents artistic practices related to the representation of minority identities in the media and discourses of gender in posturban zones, such as the US-Mexico border or around Istanbul. The projects have been realized in collaboration with other cultural producers, includes texts and interviews with or by Avtar Brah, Yvonne Volkart, Simin Farkhondeh, Bertha Jottar and Rosi Braidotti.

364 pages, profusely illustrated, color
Published with b_books, Berlin 2000
CHF 40.00 CHF 25.00

ISBN 3-933557-12-7

Distribution Europe: b_books [at] txt.de
Distribution U.S.A.: www.autonomedia.org, info [at] autonomedia.org